17 Juli 2017

Weit weg


Gestern zufällig in Hagen Rethers "Liebe 2016" reingezappt, eine Wiederholung. Nicht jede Wiederholung ist schlecht:

"Freiheit, das ist, wenn eine Burkini-Frau und eine nackte am FKK-Strand zusammen Volleyball spielen und keiner findet was dabei."

Genial. Eine ganz simple Minimaldefinition echter Toleranz. Mit diesem Aphorismus im Ohr wirkt jedes Barfuß-ja-oder-nein-Gehampel so völlig weit weg und lächerlich ...


(verändert via wiki commons)




02 Juli 2017

Fairer Preis


Bin neulich im verbissenen Zweikampf mit einer außer Kontrolle geratenen Thuja-Hecke ziemlich fies mitsamt Leiter seitlich abgerutscht. Hände ziemlich zerschunden, ein paar Prellungen der linken Körperseite und, ja, beim Abfangen zog ich mir auch noch einen Ratscher in der linken Fußsohle zu.

Mein Innerer-Dialog-Partner ätzte beim Pflaster-Aufkleben natürlich: "Siehste, hättste Schuhe angehabt ...!"

Nach reiflicher Überlegung gebe ich hiermit meine ganz und gar spontane Antwort zu Protokoll:

  1. Mein Innerer-Dialog-Partner ist ein spießiger, feiger, lustfeindlicher Vollidiot.
  2. Nach der Logik, Fußsohlen durch Schuhe zu schützen, hätte ich in diesem Fall (Wortspiel, hö, hö.) eine Ritterrüstung gebraucht. [*1]
  3. Da besagter Ratscher höchstens 20 mm lang ist und eigentlich nur die Epidermis durchschlagen, vielleicht noch die Leder- aber kaum die Unterhaut berührt ist, und da dies der erste Ratscher seit was-weiß-ich-wie-vielen Jahren ist, kann ich ohne übertriebenen Heldenmut konstatieren, dass das ein absolut fairer Preis für das Wohlgefühl und die Freiheit des Barfußlaufens ist. Wie oft verletzen wir uns alltäglich an den Händen, ohne deshalb permanent Schutzhandschuhe zu tragen?

Und vielleicht noch eine Information, die sonst nur Dauerbarfüßer kennen können: Natürlich kommt es im barfüßigen Alltag hin und wieder mal zu Situationen, in denen Deine Fußsohle meldet "Hoppsa, da war ein spitzer Stein!" Das sind Situationen, die Lichtjahre von Verletzung entfernt sind und auch eigentlich nicht wirklich weh tun, die Dich aber wieder aufmerksamer werden lassen. [*2] Das führt dazu, dass Du im Laufe der Jahre eine unterbewusste Grund-Aufmerksamkeit entwickelst, die Dir das Gefühl gibt, Deine Füße passten irgendwie auf sich selbst auf.



(verändert via wiki commons)
Stirb, verdammte Thuja-Hecke! STIRB!
Ok, vielleicht übertreibe ich ein bisschen ... aber nicht viel!




[*1a] Immerhin bin ich seitlich in die frischgeschnittene Hecke geflogen, und einige Äste waren durch den Schnitt der Motorsäge so angespitzt, wie man es von mittelalterlichen Palisaden zur Abwehr von Reiterattacken kennt. Naja, so ähnlich ...
[*1b] Dabei wäre zunächst experimentell zu prüfen, ob durch das Gewicht und die Steifigkeit der Rüstung  der Schaden bei einem Sturz aus knapp 2 m Höhe nicht sogar vergrößert wäre. Analog gilt nach wie vor, dass das exzessive Schuhetragen volkswirtschaftlich und individuell viel mehr Schäden verursacht als Nutzen bringt. (Quellen dazu: Reichlich in den anderen Texten dieses Blogs. Wiederholugnen langweilen.)

[*2] So ähnlich geht's mir auch, wenn eine obrigkeitliche Geschwindigkeitsmessung mir ein schickes Foto und eine Zahlungsaufforderung beschert. Leider ist der aufmerksamkeitssteigernde Effekt da noch nicht so dauerhaft, wie ich es mir wünschte. 









08 März 2017

Beim Barfußlaufen geht's überhaupt nicht ums Barfußlaufen


Mit zunehmendem Befremden schaue ich gelegentlich auf internationale und deutschsprachige Barfuß-Foren und -Blogs. Da wird reichlich missioniert und überreichlich verglichen, wer in welchen Situationen und unter was für Umständen wo barfuß läuft, und mehr oder weniger ist zwischen den Zeilen zu lesen, dass das Ideal der 24/7/365 von 90° N bis 90° S-Barefooter ist.

Seltsame Sache, das.

Warum sollte es mich interessieren, ob andere Leute barfuß laufen? Warum sollte ich versuchen, andere Leute davon zu überzeugen? Die physiologischen und hygienischen Argumente für möglichst schuhloses Leben sind tausendfach genannt, sie sind valide und sie sind nachlesbar. Ausprobieren und dann entscheiden muss Jede/r für sich selbst. Da kann man doch nicht drängen und werben und schubsen.

Etwas anderes ist es, wenn beispielsweise hirntote SUV-Zombies, profitgeile Konzerne und konsumsüchtige Mittelstandskrampen unsere Umwelt kaputt machen. Dann geht es mich was an, da kann und darf ich eine Verhaltensänderung einfordern. Aber ob Einer Schuhe trägt ... ?

Spannend ist doch nur die Frage, warum eine Kulturtechnik, die, "wissenschaftlich erwiesen!!!", jenseits aller Zweifel gesund und also vernunftgemäß ist und die obendrein auch noch angenehm ist und Spaß macht, sich nicht durchsetzt.

Der öffentliche Diskurs über das Barfußlaufen kann sinnvollerweise nur ein kritischer Diskurs über Sozialnormen sein. Das je individuelle Barfußlaufen interessiert kein Schwein.





(verändert via wiki commons)
Der letzte Satz stimmt so nicht: Dieses barfüßige und obendrein vollkommen nackte, schlafende Schwein hat sich gewiß schon so seine Gedanken zur "gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit" gemacht, das ist mal sicher!









07 Oktober 2016

######-Oktober


Diesen Artikel schreibe ich eigentllich nur als "Lebenszeichen". Nicht, dass jemand denkt "Huh, noch so ein verlassener Geisterblog, wahrscheinlich ist der Verfasser abgenibbelt oder das Thema hat sich für ihn erledigt oder so ...".

Neinnein, ich lebe noch und laufe noch barfuß, nur - es gibt eben nix Neues zu berichten. Wieder ein Jahr rum und wieder habe ich kaum Reaktionen erfahren, und wenn, dann nur freundliche, positive, und positiv-interessierte. Keine Verletzungen bei mir, keine Bienenstiche, nicht in Schnecken gelatscht, nur einmal in Katzen- oder Igelscheiße. Und einmal in eine Distel, aber die hatte keine Chance durchzudringen, weil sie noch nicht so trockenhart war.

Tja, und jetzt kommt eben die Jahreszeit, in der ich schlicht kalte Zehen bekomme, wenn ich draußen bin und mich nicht die ganze Zeit sportlich bewege. Und da ich auch in Sachen Barfüßigkeit nicht zum Fundamentalismus neige, zwinge ich  meine Füße dann gegen erbitterten Widerstand in Schuhe. Diese Umgewöhnungphase ist des Barfußläufers blödeste Zeit im Jahr, und das wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Zum Glück gibt es Leguanos.
 
Aber mal ehrlich - das sind doch alles Banalitäten, oder? Was schreibe ich hier eigentlich?


Barfußlaufen ist wie Atmen: Ich tu's gern und bin, wenn ich drüber nachdenke, froh, dass ich es tun kann, aber ich denke eben nicht mehr viel drüber nach.



Pas d' chance ...











02 Juli 2016

Ich glaub', ich bin im Wald.





Um es mal ganz kategorisch, ganz apodiktisch und intolerant zu formulieren: Wer noch nie sandige oder erdige Waldwege bei wechselhaftem Sommerwetter barfuß erwandert hat, wer also nie die Unterschiede erspürt hat zwischen nassen und trockenen Stellen, zwischen matschigen und festeren, zwischen kühl-schattigen und sonnig-wonnig-warmen Passagen ... kann bei der ganzen Barfuß-Sache eigentlich überhaupt nicht mitreden.

Warum sollte ich mich mit einem Grottenolm über die Schönheit des Sonnenlichts unterhalten? Da würde doch keiner von uns beiden glücklich.



22 Juni 2016

Ik beneide mir selba!


Möge niemand sagen, Schülerinnen und Schüler würden nicht kapieren, dass und warum ihr Pauker schuhlos durchs Leben geht. Meine Neunte hat mir heute zum Schuljahresende unter anderem dieses Gedicht geschenkt:



Barfuß im Morgentau

Es war die Idee dich mich berührte.
Barfuß durch den Morgentau zu gehen.
Der mich zum ungewöhnlichen Weg verführte.
Einfach und unkompliziertes Verstehen.

Die Nase kitzelte und lockte mich weiter.
Verspielt und fröhlich Ausgelassen sein.
Zuerst noch gefasst, dann richtig heiter.
Wird zum vergnüglichen, lebendigen Dasein.

Es hat sich gelohnt den Schritt zu wagen.
Barfüssig wie einst am weiten Meeresstrand.
Leichtigkeit hat Vorrang, liess ich mich tragen.
Grashalm voll Tau mich mit Sehnsucht verband.


Brigitte Obermaier, 2012 



Wäre ich nicht ohnehin Klassenlehrer dieser Klasse gewesen, würde ich mich drum beneiden.





(via wiki commons)
Heute bei uns im Lehrerzimmer








07 Mai 2016

Grenzwertanalyse


Wenn überhaupt noch Barfußlauferei in meinem Umfeld thematisiert wird, dann klingt da oft ein Bedauern mit, im Sinne von "Ich würd' ja auch gerne, aber ...", gefolgt von Begründungen,  die man achten sollte, auch, wenn man selbst seit Jahrzehnten die real-existierende Antithese lebt.

Die innere Widersprüchlichkeit, das Bedauern eigenen Verhaltens sowie die Strategie, sich ein als angenehm empfundenes Verhalten alternativlos selbst zu verbieten, faszinieren mich, denn es gibt vermutlich zahllose Themenfelder, in denen ich unbewusst genau so ticke. Also ist auch Selbsttherapie im Spiel.

Am Beispiel Barfußlaufen möchte ich eine diagnostische Methode vorstellen, die ich "Soziale Grenzwertanalyse" nennen will. Sie geht so:

  1. Wannimmer Du gerne barfuß laufen willst, tu's.
  2. Wenn Du dann bemerkst, dass Du lieber Schuhe anziehen möchtest, dann tu das auch.
  3. Aber - sehr wichtig ! -  notiere Dir in dem Moment, da Du Dir die Schuhe anziehst, stichwortartig und wenigstens geistig, was genau (!) Dich hier und jetzt davon abhält, das zu tun, was Du eigentlich willst. 
Peng. Das war's schon.

Naja, man könnte als vierten Punkt ergänzen, dass Du Dir die Liste gelegentlich mal anschaust.

Meine Liste würde eventuell so aussehen:  
  • "Scheiß-Brombeerranken im Wald
  • Scheiß-Kohlenwasserstoffe in der bunt-schillernden Lache vor der Zapfsäule der Tanke
  • Scheißkalt
  • Scheiß auf der Autobahntoilette (keine Metapher!)
  • etc. etc.  ..."  
Das sind quasi unhinterfragbare Gründe. Langweilig.

Spannender:  
  • "Ich trau' mich nicht
  • Hier könnten Leute sein, die mich kennen
  • man geht nicht barfuß in einen Supermarkt
  • ich wäre ja die/der Einzige, hier barfuß
  • etc. etc. ...".

Unterschied klar?

Gegen Brombeerrranken diskutiere ich nicht an, nicht mal mit mir selbst. Ich bin Barfüßer, aber kein Masochist und kein Idiot.

Die interessanten Punkte, sind die, bei denen es um Menschen geht, genauer: um mein Verhältnis zur Gesellschaft um mich herum. Nicht um meine Freunde und Bekannte, denen ich z.B. Barfußlauferei ja erklären kann, mit deren Reaktionen ich mich auseinandersetzen kann, sondern es geht um die anonyme Masse, um jene, die ich überhaupt nicht kenne, denen ich aber unterstelle, sie stünden mit mir in einem Verhältnis gegenseitiger Erwartenserwartungen

Hier beginnt die eigentliche Grenzwertanalyse:
  1. Wo setze ich mir selbst - aus was für konkreten Gründen und Erfahrungen eigentlich? - welche Grenzen? 
  2. Wo bilde ich mir ein, dass Grenzen gesetzt sind? 
  3. Wo stoße ich konkret und in realiter, nicht nur gefühlt, auf Grenzen, die mir die anonyme Geselschaft setzt?
Und nochmal Peng.

Ab hier, liebe Freundinnen und Freunde des befreiten Fußes und Geistes, beginnt Eure ganz persönliche empirische Sozialforschung. Ich kenne kein schöneres Hobby [*1]. Ergebnisse will ich nicht vorwegnehmen, aber Ihr könnt ja mal mit der hier vorgestellten Methode ganz kritisch folgende Hypothese prüfen:

Die allermeisten Grenzen bestehen nur in Deinem Kopp! 




Solange diese Hypothese unwiderlegt bleibt, leite ich daraus ab:

Hör auf, Dich ständig selbst in den Knast zu schicken. Fang an zu leben!

 Und wahrlich, das gilt nicht nur für's Barfußlaufen. 





(verändert via wiki commons)
Fortschritt entsteht garantiert NICHT,
indem man stets ängstlich
weit innerhalb der Grenzen
des Bekannten bleibt.






[*1] Ja, doch: Segelfliegen. Aber das passt ja nun so reinweg gar nicht hierher ...






19 Oktober 2015

Jorge Luis Borges: "Wenn ich ... dürfte"

 

"Wenn ich mein Leben noch einmal leben dürfte,
würde ich versuchen mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen - ich würde mich mehr entspannen.

Ich wäre ein bisschen verrückter als ich es gewesen bin,
ich wüsste nur wenige Dinge,
die ich wirklich sehr ernst nehmen würde.
Ich würde mehr riskieren, würde mehr reisen,
Ich würde mehr Berge besteigen
und mehr Sonnenuntergänge betrachten.
Ich würde mehr Eis und weniger Salat essen.

Ich war einer dieser klugen Menschen,
die jede Minute ihres Lebens vorausschauend und vernünftig leben,
Stunde um Stunde, Tag für Tag.

Oh ja, es gab schöne und glückliche Momente,
aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen,
nur mehr guten Augenblicke zu haben.
Falls Du es noch nicht weißt,
aus diesen besteht nämlich das Leben:
nur aus Augenblicken, vergiss nicht den Jetzigen!

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen.
Ich würde vieles einfach schwänzen,
ich würde öfter in der Sonne liegen.

Aber sehen Sie … ich bin 85 Jahre alt
und weiß, dass ich bald sterben werde."




 (via wiki commons)



16 August 2015

Bilanz 2015


Die Werbe-Blättchen im Real-life-Briefkasten verkünden längst das nahende Sommerende. Zeit für eine vorläufige Bilanz aus Barfüssers Sicht. Was gab es, was gibt es zu berichten?

Nichts.

Es ist immer dasselbe: Nachdem man ein paar Jahre lang ab 10 °C aufwärts keine Schuhe mehr tragen mag und trägt, ist das Sensationelle daran vollständig verdampft. Und das gilt sowohl für mich als auch für meine Umwelt. Es fällt niemandem mehr auf, schlicht, weil nichts Auffälliges dabei ist. Bilanz also:
  • Negative Reaktionen: Null, in Ziffern: 0,00. 
  • Positive Reaktionen: Null, naja, zwei Mal freundliche Neckereien von Bekannten.
  • Sonstige Reaktionen: Null.
Und da ich in der Sache nicht missioniere, ist das die bestdenkbare Bilanz. Herz, wat willste mehr?


 (verändert via wiki commons)

Statt einer langen Laber-Bilanz deshalb nur ein schöner Gedanke, der mir neulich unter der Dusche kam [*1]: Altbekannte Hypothese ist ja, dass Leute gegen das Barfußlaufen und überhaupt gegen jede Form von gelebter Exzentrizität um so stärker aufbegehren, je brutaler sie sich selbst jede diesbezügliche Regung verbieten. Man sollte diesen Gedanken auch mal rückwärts denken: Je freier und mutiger ein Mensch seine /ihre Exzentrizitäten auslebt [*2], desto offener wird er/sie auch gegenüber den kleinen Lititis seiner/ihrer Mitmenschen sein. Mir geht's jedenfalls so, und ich fühle mich gut dabei!





[*1] Dass dieser Gedanke mir beim Duschen kam, ist nicht ganz banal: Ich habe dort stets die kreativsten Gedanken und noch nie erlebt, dass einer dieser Gedanken sich im Nachhineien als völlig bescheuert erwies.
[*2] Jaja, natürlich in Grenzen: Gesetze, Menschenrechte, die Freiheit der Anderen blablabla. Lassen wir doch, bitteschön, Selbstverständlichkeiten Selbstverständlichkeiten sein. Man muss doch nicht JEDEM schönen Gedanken durch AGB das Genick brechen.


08 Juli 2015

Lebensweisheit



Merksatz: 

Wannimmer Du überlegst, 
ob Du in einer Situation 
barfuß laufen solltest oder nicht, 
entscheide Dich dafür.



Begründung aus allzuhäufiger ureigenster Erfahrung:

Ich habe NIE erlebt, dass Barfußlaufen falsch war. Ich habe mich aber OFT geärgert, Schuhe getragen zu haben, als es überhaupt nicht notwendig war.

So einfach. Gilt übrigens auch für sinnverwandte Zweifelsfälle.





 (Bewegungsstudien 1887 - via wiki commons)




 

08 Juni 2015

Hygiene, Dreck und Siff



Nein, meine Fußsohlen sind nicht schweinchenrosa, sondern tendenziell elefantengrau. Das liegt daran, dass winzige Partikel beim Dauerbarfußlaufen quasi in die Lederhaut tätowiert werden, wo auch das allabendliche kräftige Schrubben mit der sogenannten Handwerkerbürste sie nicht entfernt. Ist das unhygienisch?

Wikipedia definiert "Hygiene" als „Lehre von der Verhütung der Krankheiten und der Erhaltung, Förderung und Festigung der Gesundheit“, und an anderer Stelle habe ich bereits lang und breit über die mikrobiologischen Befunde geschrieben, so dass ich zusammenfassen kann: Auch auf der Grundlage der medizinischen Definition ist Schuhetragen unhygienisch, Barfußlaufen hingegen nicht.

Aber was ist mit Dreck? Ja, natürlich sind meine Füße nach einem langen Waldspaziergang oder einem Tag der Gartenarbeit voller Erde und Sand, man könnte sagen: voller Dreck. Es gibt auch Leute, die die Berührung mit Erde und Sand eklig finden. Ich gehöre aber nicht dazu, weil ich weiß, dass das nicht schädlich ist und dass man das ganz leicht abwaschen kann. Dreck stört mich nicht. [*1]

Mein persönliches Vokabular unterscheidet dann aber noch "Dreck" und "Siff". Letzteres ist echt eklig. Siff ist, was irgendwie kleben bleibt und wovon man nicht weiß und auch nicht wirklich wissen will, was es eigentlich ist. Kaugummireste, Öllachen, zuckrige Lösungen, schmierige Dinge sind konkrete Beispiele, aber der verstörendste Aspekt beim Siff ist, dass er meist so undefinierbar ist, das allzuviel Raum für die phantasievolle Hypothesenbildung bleibt. Siff ist des Barfüßers wahrer Graus.

Zum Glück lernt man als Barfüßer zuallererst Aufmerksamkeit. Und alsbald weiß man, dass das Siff-Risiko übereindeutig mit Menschenansammlungen korreliert. Viele (nicht alle!) Städte sind Risikogebiet.



(Loxodonta africana - via wiki commons)

Barfüßiger Elefant. Den meisten Leuten fallen beim Anblick eines Elefanten Wörter ein, wie "groß" oder "mächtig" oder "Ist der jetzt sauer?" oder "huh, ganz schön grau". Über des Dickhäuters Fußhygiene habe ich noch niemand räsonnieren hören. Was hat Loxodonta, was der rezente Homo sapiens angeblich nicht mehr hat?




[*1] Störend beim Dreck ist nur, dass man als Barfüßer, wenn von der Gartenarbeit mal kurz ins Haus huschen will, nicht mal eben die dreckige Schuhe ausziehen kann. Dreck an meinem Körper finde ich nicht schlimm, Dreck auf häuslichem Parkett schon.









20 November 2013

Don't argue ...



Ein Zufallsfund im I-net:

"Don’t argue with idiots. They drag you down to their level and beat you there with experience."
Gedanke bei der aktuellen Betrachtung eines Forums, das mir vor Jahren einmal wichtig war. Es gibt dort immer noch ein paar AutorInnen, die gute, interessante und wichtige  Sachen zum Barfußlaufen schreiben. Ihr Anteil schwindet, ihre Arbeit geht im zunehmenden Rauschen der von anderen ungefiltert dahingerotzten Pseudo-Meinung unter, aber ich grüße sie herzlich!  

"Arguing with a stubborn person is like mudwrestling with a pig. Pretty soon you realize the pig likes it."




"Komisch. Das Bild hat doch gar nix mit Barfußlaufen zu tun!"
"Stimmt. Dieser Artikel eigentlich auch nicht. Oder nur sehr indirekt."



18 August 2013

Knigge




Die FAZ brachte neulich einen schönen Artikel über das Barfußlaufen. Soweit ganz gut. Ich frage mich nur immer wieder, wie lange wir es noch ertragen wollen, dass selbsternannte Benimm-Bestimmer, wie der zitierte Knabe von der "Knigge-Akademie" [*1] Mörder-Kohle damit verdienen, ausgedachte, unfundierte, schädliche, kurz: hirnlose Sozialnormen über die Vernunft zu stellen und in die Öffentlichkeit zu blähen.

Der alte Freiherr Knigge würde durchdrehen, wüsste er, was heutzutage in seinem Namen geschieht. Und "Akademie" ist ein ungeschützter Begriff. Jeder Idiot kann eine gründen und tut es auch. Wer auf eine "Knigge-Akademie" reinfällt, muss schon ziemlich behämmert sein, und wer glaubt, so etwas nötig zu haben, um sich nicht dauernd daneben zu benehmen, ist echt 'ne arme Wurst. Aber gerade die armen Würstchen lassen sich am besten zu ihrem geldwerten Nachteil vergackeiern.

Selber-Denken macht schlau!


(via wiki commons)


[*1] Was für ein dümmlich-arroganter Titel! 

02 Mai 2013

Preisfrage






Will ich auffallen um jeden Preis?
Im äußersten Gegenteil:
Ich will möglichst überhaupt nicht auffallen.
Aber nicht mehr um jeden Preis.




(verändert via wiki commons)



18 April 2013

Postscriptum mit Nebenwirkungen




Holla, die Waldfee! Das ganz unschuldig-beiläufige PS unter dem letzten Posting enthält, wie auch die Spontan-Kommentare von anonym und lizzy beweisen, ungeahnt reichlich Zunder, nämlich die Frage, wann zwischen früher und heute das Barfußlaufen in den Köpfen der Menschen zu etwas wurde, was "man nicht tut".

Ich versuche mal, den Fragenkomplex aufzudröseln:

  • Es geht um alltäglich-normales Barfußlaufen bei Erwachsenen in Mitteleuropa, also nicht um Schwimmbad-, Sauna-, Strand-, Wellness- etc.-Situationen, nicht um kindliches Barfußlaufen und nicht um die kluge, natürliche Barfüßigkeit z.B. afrikanischer, australischer oder südamerikanischer Ureinwohner.
  • Gesucht werden historisch möglichst späte Dokumente, in denen Schuhlosigkeit als normalste und vernünftigste Sache angesehen wird [*1] sowie
  • historisch möglichst frühe Dokumente, aus denen eine Ablehnung plausibel ablesbar ist.
Auf diese Weise könnte möglicherweise eine Epoche eingegrenzt werden, in der die Akzeptanz der Barfüßigkeit gekippt ist. Wenn dem so wäre, könnte man als nächstes versuchen herauszufinden, wer zu jener Zeit mit welchem Benefit ein Interesse daran gehabt haben könnte.

Für Tipps, Tricks, Hinweise und Mithilfe wäre ich sehr dankbar!


(verändert via wiki commons)
 Total normal: Sailor, 18. Jahrhundert

 

[*1] Das wird richtig schwer, denn Selbstverständliches wird nicht oft expressiv verbis erwähnt [*2]. Aber Bilder von Crews der Segelschiffe des frühe 19. Jahrhunderts, Bauern etc. wären vielleicht auch hilfreich.


[*2] außer von Plittikörrn und anderen egomanischen Klugscheißern.




 

17 April 2013

Blöde Sache


Zum Wochenenende sollen die Temperaturen wieder sinken, mag sein. Aber deshalb wieder Schuhe und Socken anziehen, da die ersehnte Barfußsaison gerade erst angefangen hat? Och nöö.


Merke: Was beim Barfußlaufen blöd ist, ist, dass, wenn  einmal angefangen, man kaum gewillt ist, damit wieder aufzuhören.

Es ist wie mit der Vernunft. Hinter "Sapere aude!" geht man auch nicht mehr freiwillig zurück, wenn man einmal damit angefangen hat.




(A. Mantegna, 1461, via wiki commons)

Du kannst z.B. nicht mehr an Christi Himmelfahrt als fotografierbares Ereignis glauben, nachdem Du Kant gelesen hat. 

PS:
Interessant an dem Bild ist übrigens, dass alle barfuß rumlaufen. Hätte man so ein Bild in eine schwerst-katholische italiensiche Kapelle gehängt, wenn "barfuß" was mit Erotik zu tun hätte? Nächste Frage: Wenn Barfußlaufen damals normal war, was ist zwischen 1461 und 2013 eigentlich passiert, dass es das heute nicht mehr ist?


 

15 April 2013

Auf geht's




Viel zu spät beginnt die Zeit, in der mensch in Nordmitteleuropa vernünftigerweise auf Hand- und Fußschuhe verzichten kann und sollte.

Ich weiß, ich habe lange keine neuen Themen mehr für diesen Blog gehabt. Das liegt einfach daran, dass ich die medizinischen und wissenschaftlichen Aspekte hier leidlich hinreichend beschrieben habe, die soziologischen und erkenntnistheoretischen Themen ums Barfußlaufen wenn auch nicht auf- so doch angedröselt habe und jetzt eigentlich immer nur wiederholen könnte, wie genial das Gefühl des Barfußlaufens ist, was aber blöd wäre, denn richtig verstehen täte das nur, wer's selbst ausprobierte, und wer's ausprobierte, brauchte keine Beschreibung.

Aber dieses persönliche Gutgefühl nudelt sich auch ab. Man vergleiche es mit dem Autofahren: Sobald man den Lappen und ein erstes Automobil sein eigen nennt, ist die Faszination groß. 33 Jahre später ist Autofahren immer noch eine selbstverständliche Option, die man nicht missen mag, aber man ruft nicht mehr jeden Arbeitstagsmorgen "Tschakkkaaaa!", wenn man sich per Vierrad auf den Weg zur Arbeit macht. 

Troppsdem freue ich mich natürlich, dass die "gute Jahreszeit" [*1] jetzt wieder beginnt.



 (Lenbach: Hirtenknabe, 1860, via wiki commons)
"Free your feet, your mind will follow"
(Society for Barefoot Living)




[*1] Goethe, "Dichtung und Wahrheit", irgendwo am Anfang.

14 Februar 2013

Dieser Blog hat es geschafft!




Heute erreichte mich mal wieder per e-mail die "Anregung", ich könnte auf diesem Blog doch auch mal über die enormen Vorteile eines sogenannten Barfuß-Schuhs einer bestimmten Firma berichten, deren Namen ich spontan vergessen habe (der aber mit "V" begann) und dessen Produkte für 120 bis 140 Ocken pro Paar über die Theke gehen.

Natürlich freue ich mich, dass dieser Blog, obwohl ich in letzter Zeit wenig hier veröffentlichte, nach wie vor viele regelmäßige LeserInnen hat, so viele, dass die Aufmerksamkeit der Marketing-Fuzzis geweckt ist.

Aber, liebe Fuzzis, so geht das doch nicht! Wenn Ihr wollt, dass ich für Euer Produkt (schleich-)werbe, dann korrumpiert Ihr mich entweder gleich mit extrem unwiderstehlichen Angeboten oder Ihr versucht, mich mit Vernunft zu überzeugen. Da Letzteres im Falle Eures Produktes aussichtslos ist, hättet Ihr Ersteres versuchen sollen - und zwar mit einer Summe, die den intellektuellen Spaß aufwiegt, den ich mit einem freien, unkorrumpierten Blog habe. Und ich habe SEHR VIEL Spaß damit!

Stattdessen, liebe Fuzzis, habt Ihr mich mit einer so dämlichen Mail so sehr beleidigt, dass ich auch in Zukunft gar keine Lust mehr haben werde, mich von Euch kaufen zu lassen. Zwischen uns sei Wahrheit[*1]:  Ihr könnt Euch Eure Fünf Finger dahin stecken, wo die Sonne nie scheint. Das Produkt ist Mist, hat nix, gar nix mit Barfußlaufen zu tun, verspricht Dinge, die es nicht hält und ist vielfach überteuert. Ich kenne ein paar Leute, die es gekauft haben, und niemand von denen hat es, soweit ich weiß, mehr als zwei, drei Mal getragen. Vergesst es!

Meine völlig belanglose, unwichtige, subjektive und vor allem werbeunwirksame Einzelmeinung: Ich laufe barfuß, wenn ich Lust habe und es möglich ist. Falls es mir dazu zu kalt ist und nicht gerade Tiefschnee liegt, trage ich im Wechsel zwei Paar Timberland Watersocks, die schon lange nicht mehr hergestellt werden, und bisher ein Paar Business-Leguanos. Und, ja, ich habe auch ganz normale Schuhe.

Die Leguanos finde ich echt empfehlenswert [*2] . Und falls die Firma mir auf diese Aussage hin aus reiner Dankbarkeit noch ein Paar davon schicken möchte, würde ich das glatt annehmen, ohne den Hauch eines schlechten Gewissens. Warum sind es eigentlich immer nur die Idioten-Firmen, die einen schmieren wollen? Mist, verdammter!



(Korruptionsindex 2012 lt. Transpareny International via wiki commons)
Vielleicht lebe ich auch im falschen Erdteil.



[*1] Goethe: Iphigenie auf Tauris


[*2] Genau betrachtet, ein schönes Kompliment, nicht wahr? Sie sind es wert, empfohlen zu werden. Das klingt nach sorgfältiger Prüfung und abgewogenem Urteil.
Beachtet bitte, liebe LeserInnen, dass ich den Firmennamen nicht verlinkt habe.




01 Januar 2013

FNJ!



Die Kernfrage dieses Blogs, warum wir das als vernünftig Erkannte nicht tun, wird im Spiegel 52/2012 ganz beiläufig mitbeantwortet, indem der Hauptartikel ausgesprochen schlüssig darlegt, die individuelle explizite Bereitschaft, jeden möglichst umfänglichen Schwachsinn der Gruppe möglichst öffentlich zu bejahen, mitzutragen und weiter zu befeuern, sei primäre Intention aller Religion und zwar wegen seiner Wirkung als soziales Kohäsionsmittel Nr 1.

Konkret: Indem ich mich dem religionsgestifteten Zwang, schwachsinnigen Ritualen und Axiomen zu folgen, öffentlichkeitswirksam beuge, beweise ich, zu welchen Opfern, zu welcher Verleugnung meiner selbst und der Vernunft ich um der sozialen Gruppe willen fähig bin.

Ein brillianter Artikel. Und ich halte diese Funktion von Religionen (und allgemeiner: anderer hirnerweichenden Sozialnormen) auch für eine gute Sache. Religionen haben der Menschenheit gewiss geholfen. In ihrer Zeit.

Zahnspangen sind auch eine gute Sache. In ihrer Zeit.

Wenn Zahnspangen aber über ihre Zeit hinaus hirnlos immer weiter benutzt werden, werden sie gemeingefährlich. Und falls Zahnärzte empfählen, da Zahnspangen so hilfreich seien, müssten alle Menschen bis in  alle Ewigkeit Zahnspangen tragen, würden wir fragen, ob sie, die Zahnärzte, noch ganz dicht seien oder etwa egoistische Partialinteressen auf Kosten der gesamten Menschheit befriedigten.

Was hat das mit Barfußlaufen zu tun? Nichts. Fast nichts. Dies ist kein Barfuß-Blog. Dieser Blog untersucht vielmehr das häufig anzutreffende, mir bislang unerklärliche Missverhältnis von Sozialnorm und Vernunft. Und ich bin sicher, dass besagter Spiegel-Artikel in dieser Sache ausgesprochen erhellend ist.

Aber wir können das Ganze trotzdem mal am Beispiel (!!!) Barfußlaufen prüfen bzw. konkretisieren: Indem man/ich wider alle medizinische Vernunft, besseres Wissen,  eigenes Wohlbefinden und Wollen Schuhe trüge, zeigte man/ich, dass man/ich der demütigen Befolgung gesellschaftlicher Konvention den höchsten (Superlativ!) Stellenwert einräumte.

Umgekehrt: Indem man barfuß läuft, demonstriert man, dass man Vernunft höher hält als Konvention. Und das erzeugt bei den Konventionalisten offenbar Unwohlsein, macht sozial verdächtig und unzuverlässig. Mit solchen Leuten wie mir ist kein Krieg zu gewinnen, mit denen kann man keine Pferde stehlen. Statt bedingungsloser Loyalität auch und gerade bei hirnverbrannten, moralisch schwiemeligen Aktionen könnten derartige Leute anfangen, sich bedingungslos ihres Verstandes zu bedienen. Und wer weiß, wo die noch überall anfangen, Dinge anders zu machen, wenn sie schon beim Schuhetrag-Ritual nicht mitmachen? Vernunft, das macht alles so ... kompliziert. Vernunft ist noch lange kein Grund, aus der Reihe zu tanzen. Der Mut, sich seines Verstandes zu bedienen, hat ja irgendwie auch eine arschlöchig-arrogante Attitüde.

Hm. Doch. Die Konkretisierung der im Spiegel referierten Thesen am Beispiel barfuß zeigt deren ausgesprochene Tragfähigkeit. Schön, schön ...

Frohes Neues Jahr 2013. Es bleibt spannend.



 (via spiegel-online)
Beim Schreiben dieser Zeilen stelle ich gerade fest: Mich interessiert es nicht wirklich, ob andere Leute barfuß laufen oder nicht. Mich interessiert, wo die vielen unbegreiflichen Widerstände gegen das Vernünftige, gegen Toleranz  tiefwurzeln. Da ist dieses Titelthema ein echter Meilenstein. Danke, Spiegel.






29 Dezember 2012

Über'n Teich und zurück





Komisch, dass man so deutliche Zitate deutscher Mediziner erst vom Angloamerikaner zurücklesen muss ...


 (via wiki commons)
Was für den seligen Adalbertus und seine Gang gut war, kann für uns nicht schlecht sein. Aus "Sancta Bavaria", 1714.








03 Oktober 2012

Kalte Füße - zum Glück



Heute Morgen war ich zum zweiten Mal nach einem halben Jahr Pause mal wieder im Wald joggen, natürlich barfuß, und natürlich bekam ich kalte Füße und über alle drei Aspekte war ich heilfroh. Dass es einfach klasse ist, barfuß auf Sandwegen im Wald zu joggen, versteht sich von selbst. Die Sache mit den kalten Füßen muss vielleicht erklärt werden, und sie erklärte sich am besten, wenn der/die geneigte LeserIn sich vorstellte, was es bedeutet, nach einem faulen, genußvollen Sommer mit ein paar Kilo mehr auf den Hüften wieder mit dem Training zu beginnen [*1].

Es ist anstrengend. Nicht so anstrengend wie das Laufen mit Schuhen, aber troppsdem. Und natürlich habe ich geschwitzt wie ... [*2] einer, der sich sehr anstrengt. Wer ein paar andere Artikel auf diesem Blog aufmerksam gelesen hat, weiß, was jetzt kommt: Wie glücklich war und bin ich, dass unsere Füße (zusammen mit Kopf und Händen) Wärmetauscher sind! Wenn ich mir vorstelle, wie gewaltig der ohnehin üppige Wärmeüberschuss meines Körpers gewesen wäre, wenn meine Füße heute Morgen in fette Nikes verpackt gewesen wären, graut es mir. Stattdessen patschten sie frei und fröhlich durch nassen aber festen, 10 °C kalten Sand und ebensolches Gras, die Zehen irgendwann knallrot, was bedeutet, dass die Wärmeabfuhr via Blutkreislauf auf Hochtouren lief.

Natürlich fühlt man die Kälte. Ist doch klar. Aber das tun wir auch, extremer sogar, wenn wir barhändig Schneebälle formen. Entscheidend ist, dass die Temperatur des Gesamtsystems nicht zu sehr abfällt und dass es nicht an einzelnen Punkten zu dauerhaften Temperaturen unter 0 °C kommt, denn das führte zu Erfrierungen.

Nee, die - gerade in Nicht-Sommer-Zeiten beliebte - Frage "Ist das nicht (zu) kalt?" ist ziemlich schnell beantwortet: "Wenn der Rest warm ist, sei es durch Klamotten oder Bewegung, gewiss nicht."

Ich unterstütze die in mannigfacher Literatur geäußerte Annahme, dass uns im Hinblick auf unsere Füße schlicht ein völlig schräges, unnatürliches  Temperaturempfinden anerzogen worden ist. Wenn man ein Leben lang permanent warme Füße hat, dann registriert das Hirn eine Abweichung von dieser Norm verständlicherweise als eine Sensation. Isses aber nicht. Vergleiche Hände. Das Gleiche gilt doch für das Druckempfinden unserer Füße. Auch da ist die Überempfindlichkeit nur anerzogen. Füße halten was aus. Auch dazu sind sie evolutionär angepasst.


(via wiki commons)



[*1]  Ich scheue davor zurück, meine morgendliche Tätigkeit als "Joggen" zu bezeichnen und bevorzuge den Begriff "Trotten" - auch, weil er die Frage nach vergleichbaren Zeiten, Strecken und Streckenzeiten verunmöglicht. Meine Leistungen im Joggen sind mit den Adjektiven "unvergleichlich" und "unbeschreiblich" hinreichend qualifiziert, und mehr möchte ich dazu nicht sagen, außer vielleicht, dass ich mir immerhin Mühe gebe und es schon ganz schön toll von mir finde, nach so langer Zeit den inneren Schweinehund zu besiegen und überhaupt wieder mit dem Arsch hochzukommen.


[*2] Eigentlich wollte ich an dieser Stelle ergänzen "...ein Schwein", aber Schweine können nicht schwitzen.






25 September 2012

Ratschpeng! Noch 'ne schöne Bestätigung



Einen link zu einer interessanten SWR-Dokumentation möchte ich gerne weiterverbreiten. Ich halte die gesamte Sendung (Dauer 43:16 min) für sehens- und bedenkenswert, der barfußspezifische Teil beginnt bei min 24:00.

Die Information erhielt ich über das Hobby-Barfuß-Forum.  Dank an alle Beteiligten.








22 September 2012

Sei nicht erbärmlich





"Es ist nichts erbärmlicher in der Welt, als ein unentschlossener Mensch."
Goethe





Die Jahreszeit und die Temperaturen bewegen sich derzeit in einen Bereich, in dem das Barfußlaufen in der Wahrnehmung des Mediokariats von einer nur exotischen zu einer komplett durchgeknallten Tätigkeit wird [*1]. Je größer die zeitliche Distanz zum Hochsommer, desto größer scheint der durch den Schuhwerkverzicht bedingte Normenverstoß und desto lauter die Empörungsschreie des inneren Spießers, man könne doch nicht. Doch, man kann.

Und Goethe, das Genie, der Stürmer, der Dränger und Klassiker, zeigt uns, wie: Mit Entschlossenheit. Der "Dümmste anzunehmende Fehler" ist das Herumeiern. Schuhe an, Schuhe aus, Schuhe an, unsicher-sichernde Blicke, verlegene Gesten ... An anderer Stelle habe ich schon mal gesagt: Barfußlaufen wird von der absolut-überwältigenden Mehrheit der Menschheit bejaht, die BarfußläuferInnen selbst stellen das Hauptproblem dar, wenn sie auf allen Kanälen nonverbaler Kommunikation signalisieren, dass sie selbst glauben, gerade was ganz und gar Unanständiges zu tun. [*2]


Ich will gewiss nicht jedem idiotischen Lititi das Wort reden. Es gibt Marotten, die sind wirklich unter aller Sau, da hilft es auch nix, im Gegenteil, wenn man es noch so konsequent, selbstbewusst und entschlossen durchzieht. Viele, nicht aber alle Sozialnormen sind unvernünftig.

Aber wenn man eine Sache mehrfach von vorn bis hinten durchdacht, durchfühlt und geprüft hat und zu einem Ergebnis gekommen ist, dann, bitteschön, ziehe man diese Sache anschließend auch konsequent durch. Habe den Mut, Dich Deines Verstandes zu bedienen, klar. Aber habe auch den Mut, Dein Verhalten nach den Ergebnissen, die Dein Verstand liefert, nach der Vernunft also, auszurichten.
 

Auch keine normalen Klamotten für einen angehenden Geheimrat .... 
... und genau das trug zu seiner Berühmtheit bei.
(via wiki commons)




[*1] Ich gehöre nun nicht zu den Hardcore-barfuß-im-Schnee-Barfüßern, Barfußlaufen ist auch kein Dogma, sondern eine Frage des Wohlfühlens und der Vernunft. Ab 5 °C geht's dauerhaft, darunter beginnt auch bald das (zunächst allerdings minimale) Risiko von Erfrierungen. Angenehm ist's ab 10 °C. Und, oh Wunder, die spannendste, erlebnisreichste  Zeit für die nackten Füße sind Frühling und Herbst, wenn die Böden die größten Temperatur-und Feuchtigkeitsunterschiede aufweisen. Der Sommer ist natürlich auch nett, aber fast schon ein bisschen langweilig, und heißer Asphalt nervt echt.

Barfuß im Schnee, eine Erfahrung die mal ganz lustig ist 
und hinterher  richtig warme Füße macht, 
auf Dauer aber überschätzt wird.


[*2] Das trifft analog für zahlreiche Non-Vanilla-Verhaltensweisen zu. Klares, konsequentes, offenes Schwulsein wirkt niemals lächerlich, sondern, falls es überhaupt noch auffällt, höchstens spannend, mutig, intelligent, progressiv. Der halbversteckte, herumeiernde, unklare, verschämte Schwule zieht Spott auf sich.








12 September 2012

Sommerbilanz



Mit dem Ende des meteorologischen Sommers werde ich nicht zum Schuhanzieher. Daher ist die folgende Barfuß-Macken-Saison-Rückschau nur eine Zwischenbilanz, kein Jahresabschluss.

Denkumkehr: Ohne Absicht, ohne Plan und ohne Krampf habe ich das Barfußlaufen so weit ausgedehnt, dass ich Schuhe [*1] nur noch in Ausnahmefällen trage. Die Fragestellung meines inneren Monologes lautet nicht mehr "Kannste hier echt barfuß laufen?", sondern "Musste hier echt Schuhe anziehen?"

Relativierung: Meine frühere Aversion gegen Supermärkte hat sich nebenbei auch erledigt, weil ich ein paar Mal schlicht keine Schuhe zur Hand hatte, als ich einkaufen musste. Supermarkt-Böden sind im Großen und Ganzen doch sauberer als gedacht.

Differenzierung: Auch meine Urteile über Innenstädte, Altstadt-Viertel und Fußgängerzonen  sind differenzierter geworden. Messlatte ist hier die gefühlte Dichte der Glassplitter, gemessen in Glassplittern pro Quadratmeter (Gs/m²). : In größeren Orten liegt exponentiell mehr Dreck. Interessant ist, dass die allgemeine Schönheit einer Stadt mit (Gs/m²)^-1 korreliert, vereinfacht: Wenn eine Stadt architektonisch ohnehin kackenhäßlich ist, ist sie auch siffig und voller Glassplitter. Sind Städte allgemein nett anzusehen, kann man dort meist auch problemlos barfuß laufen.

Training: Ich merke deutlich, dass meine Füße immer widerstandsfähiger werden. Das hat nichts mit dickerer Hornhaut zu tun, denn die Hornhaut wird durch natürlichen Gebrauch permanent abgeschubbert und ergo nicht dicker. Mag sein, dass die Lederhaut etwas kräftiger geworden ist, aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist,
  1. dass die Fuß-Muskulatur inzwischen so trainiert ist, dass nicht jedes Stöckchen und Steinchen Druckschmerz erzeugen, wenn man drauftritt [*2],
  2. dass normaler Druck auf die Fußsohle vom Gehirn nicht mehr als Besonderheit, als Gefahrzeichen oder folglich fälschlich gar als Schmerz wahrgenommen wird [*3],
  3. dass das unterbewusste Scannen des Untergrundes mit Seh- und Tastsinn immer effektiver wird und
  4. dass die Reflexe immer besser funktionieren, wenn die Fußsohle tatsächlich etwas Spitzes, Schleimiges, Klebriges tastet und die Muskeln entsprechend flott reagieren.
Rückblickende Erkenntnis: Wenn ich in früheren Zeiten darüber nachgedacht habe, was denn wohl die Leute über meine Barfüßerei denken oder gar sagen könnten, dann hatte ich immer das Bild von dummen, sturen, spießigen Menschen im Kopf. Wie blöd muss ich sein, wenn ich mir aus vorauseilender Rücksicht auf ausgerechnet solche Knallköppe etwas verböte, was ich für klug, vernünftig, gesund und angenehm erachte?

Fremdreaktionen: Fünf fremde Leute haben mir unabhängig voneinander mitgeteilt, wie toll sie es finden, dass ich überall barfuß liefe. Der Rest der Menschheit reagierte überhaupt nicht, denen war es völlig wurscht. Es gab keine einzige negative Reaktion.

Eigene Reaktion: Der entscheidende Faktor beim Barfußlaufen ist für mich inzwischen die haptische Wahrnehmung, die unter ich keinen Umständen mehr missen möchte. Ich habe vor Jahren schon mal geschrieben, ein beschuhter Waldspaziergang sei ähnlich armselig wie einer, bei dem man sich zuvor Nase und Ohren zustopfe. Dieser Vergleich ist treffender denn je.

Autokatalytischer Prozess: Je mehr man barfuß läuft, desto normaler und angenehmer wird es, desto weniger ist man geneigt, damit wieder aufzuhören.

Barfußbedingte Verletzungen: Null. In Zahlen: "0"







(Borgholm, August 2012)
Jaja, da hat wieder einer mit 'nem Malprogramm gespielt, schon klar. Ich finde das Ergebnis gut & schön, weil die Farbspielerei so trefflich die Erdverbundenheit beim Barfußlaufen symbolisiert. Es klingt doof esoterisch, aber barfuß bist Du tatsächlich viel intensiver mit den Dingen in Kontakt. Naja ist ja logisch. Das klingt ja auch wieder banal. Wie soll ich das beschreiben ... also ... Na egal, wen's interessiert, der soll's ausprobieren, dann wird sofort klar, was ich mit dem Bild ausdrücken will.


[*1] Hier stets im allerweitesten Sinne gemeint, also einschließlich FlipFlops, Socken, was auch immer.

[*2] Ein Schlag in die Magengrube ist ja auch nur dann schmerzhaft, wenn man die Bauchmuskulatur nicht anspannt.

[*3] Kann man das als "Abhärtung" bezeichnen? Ja, aber das klingt zu gewaltig, zu sehr nach Rambo, Conan oder Kneipp. 




26 August 2012

Paradoxe Beobachter



Wer fürchtet, die Teletubbies seien homosexuell,
wer fürchtet, Ernie und Bert seien homosexuell,
fürchtet wahrscheinlich auch,
Barfußlaufen sei erotisch,

und sollte sich dringend fragen,
welche persönlichen Defizite
zu dieser manischen Sexualorientierung
geführt haben könnten.


"Hauk, ich kenne niemanden, 
der es so nötig hat, einen 
geblasen zu bekommen wie Sie."
(Robin Williams alias Adrian Cronauer, 1987)


Ach, und dann war da noch das gute Gefühl, dass Andere auch bestätigen, was man selbst schon immer wusste....

01 Juli 2012

Barfuß-Fakten: Anatomie und Funktion


(via wiki commons)

Früher waren Fußwurzel und Mittelfuß für mich ein undurchschaubares Geschwurbel aus Knochen, Sehnen und Muskeln, das mich nicht weiter interessierte.

Heute sind Fußwurzel und Mittelfuß für mich ein hochkomplexes, technisch brilliantes Geschwurbel aus Knochen, Sehnen und Muskeln, dessen technische Leistungsfähigkeit mich fasziniert. [*1]


(via wkipedia)

Ich würde mir eine vollständige anatomische bzw. funktionsmorphologische Beschreibung an dieser Stelle gerne schenken und verweise erneut auf das "barefoot book" (S. 27 ff) von Daniel Howell. Der Mann ist Professor und unterrichtet Anatomie, kann das also viel besser beschreiben als ich. Erlaubt mir, mich auf die leicht nachvollziehbaren Phänomene zu beschränken. Das ist einfacher für alle Beteiligten.


Die vielen Knubbel-Knochen der Fußwurzel vollbringen bei jedem Schritt ein technisches Wunder: Während der Fuß beim Gehen/Laufen mit der Ferse aufsetzt (I. Phase) und das Körpergewicht mit dem Abrollen (II. Phase) des Fußes nach vorne verschoben wird, ist dieser Bereich sehr flexibel. Klar, hier werden beim Auftreten Beschleunigungskräfte und Bodenbedingungen aufgefangen. Die Fußsohle ist kein Brett, sondern Stoßdämpfer und Lageregulator.

Die dritte und letzte Phase des Bodenkontaktes ist aber das Abdrücken (III. Phase). Hier muss Kraft aus Ober- und Unterschenkelmuskulatur mit einem möglichst guten Hebelverhältnis auf den Boden übertragen werden, um den Bewegungsimpuls des Körpers aufrechtzuerhalten oder zu verstärken. In diesem Moment, wenn nur noch der vordere Ballen und die Zehen (vor allem der große!) den Boden berühren, muss der abgehobene Bereich der Fußwurzel- und Mittelfußknochen aber tatsächlich bretthart miteinander verbunden sein, denn andernfalls ginge die Vortriebsenergie zum Teil für die Verschiebung der Knochen gegeneinander drauf, und wir hätten das Gefühl, "wie auf Eiern" zu laufen und kämen trotz hohen Energieaufwandes kaum voran.

Diesen bei jedem Schritt vollzogenen Wechsel, von "flexibel" zu "bretthart" und zurück, kann der Fuß leisten, weil er in diesem Bereich wie ein Gewölbe mit Schlussstein (oder "Keilstein") aufgebaut ist:
   (via wiki commons)
Wir wissen, was mit dem steinernen Gewölbe passierte, würde ein kräftiger Witzbold den Keilstein ein wenig anlüpfen: Die Struktur bräche zusammen. Der "Os cuneiforme" unserer Fußwurzel ist der "Knochen, der wie ein Keil geformt ist" - und in der Tat wechselt er bei jedem Schritt die Position, so dass er mal das Gewölbe blockiert und stabilisiert, um gleich darauf wieder die gesamte Konstruktion flexibel reagieren zu lassen. Und das ist der Trick hinter dem dauernden schnellen Wechsel der Eigenschaften.

Geniales Prinzip, oder? Klar, der Aufwand ist erheblich, der evolutionäre Gewinn aber auch: Durch diesen Trick wird die ohnehin äußerst energieeffiziente zweibeinige Fortbewegung noch einen ganzen Zacken effektiver.

Und weil das so ist und war, liebe Leute, sind wir Menschen evolutionär betrachtet Dauerläufer.  Das ist eines unserer ganz wesentlichen Alleinstellungsmerkmale. Wir sind als Läufer eigentlich (!!!) sogar ausdauernder als Pferde. Unsere savannenliebenden Vorfahren liebten die Savanne so, weil das ein Terrain war, in dem unsere Urgroßpapis [*2]  jede andere Tierart bis zu deren Erschöpfungstod hetzen konnten [*3]. Hammer, oder?


Doch dann erfand jemand feste, robuste Schuhe.








[*1] Allerdings fasziniert es mich auf die gleiche Weise, wie  z.B. das Higgs-Boson, Hegels "Ästhetik", das Rezept für Kaiserschmarrn oder die Winword-Funktion "Zeilennumerierung": Es sind Hammer-Themen, aber jedes Mal, wenn man sich valide dazu äußern möchte, muss man selbst erstmal wieder nachlesen, wie das nun genau funktioniert.

[*2] Hier fehlen etwa 3 - 5.000 "Ur", um den Generationenabstand richtig zu beschreiben. Aber ich wollte heute noch fertig werden.

[*3]  Es sei denn, Urgroßpapi hätte zum Zu-Tode-Hetzen eine Tierart ausgewählt, die stärker war als er. Wer so dämlich war, hatte damals wenig Chancen, irgendwes' Urgroßpapi zu werden. Das ist heute anders: Strunz-Doof-Sein ist kein Grund, nicht kräftig im Genpool mitzuschwimmen, im Gegenteil.











28 Juni 2012

Barfuß-Fakten: Temperaturregelung


Elefanten machen das so:

Elefant im Winter



Elefant im Sommer

Mit der stärkeren oder schwächeren Durchblutung der Ohren reguliert der Elefant die notwendige Wärmeabfuhr. Weitere Beispiele, wie endotherme Tiere Wärmeaustausch regeln, liefert die website der Zooschule Hannover, deren Besuch ich empfehle.

Allzu gerne hätte ich an dieser Stelle vergleichbare Wärmebild-Fotos eines unbekleideten Menschen im Sommer und im Winter beigebracht, doch, ach, gab das Internet dazu so gar nichts her und auch gebricht es mir an einer Wärmebild-Kamera, den Selbstversuch zu wagen. Daher liefere ich hier nur eine Übersetzung aus einem früheren Posting [*1]:

"... Hände, Füße und Kopf sind die wesentlichen Regionen zur Regulation der Körpertemperatur. Um die Körperwärme zu halten, reduziert unser Körper einfach die Blutzufuhr in die Extremitäten, was dort ein Gefühl der Kälte erzeugt, was Camper und Bergsteiger wiederum zu der Alltagsweisheit führt: 'Hast Du kalte Füße, setz' einen Hut auf.'" (aus: Ask the doctor; Dr. Alan Berrick; 2012)

Was dem Elefanten die Ohren, sind dem Menschen Hände, Füße und Kopf: Wärmetauscher.

Thema durch.



Abschließend zwei Fragen zum Selbsttest:

Frage 1: Für wie pfiffig, hieltest Du es, die Kühlrippen eines Motorradmotors in eine stabile Lederschicht einzupacken, z.B., damit da nicht so viel Dreck reinkommt, und das so schwer zu putzen ist?      

Antwort auf einer Skala von 1 bis 10, wobei gilt:
        1 = total bescheuert; 10 = voll schlau

Frage 2:.  Was könnte und wird passieren, wenn Du's tust?


(verändert nach wiki commons)

[*1] ..., das mir ohnehin so verschwurbelt geraten ist, dass unmöglich jemand kapieren konnte, was ich damit eigentlich sagen wollte

26 Juni 2012

Barfuß-Fakten: Hygiene


Unter anderem aus Wikipedia kleingeschrieben:

Jeder Mensch besteht aus etwa 10 Billionen (10^13) Körperzellen. Auf und in ihm siedelt die zehnfache (!) Menge an Bakterien und Pilzen, die auch "Mikroorganismen" oder, irreführend, "Keime" genannt werden und unschädlich oder nützlich oder sogar überlebensnotwendig für uns sind.

Die Kosmetik- und Reinigungsmittel-Industrie suggeriert Keimfreiheit als Hygiene-Ideal, ein Ziel, dessen Erreichung wir nicht überleben würden.

Wer schon mal unter einer "Darminfektion" gelitten hat, weiß, worum es wirklich geht. "Darminfektion" bedeutet nicht, dass erstmals Mikroorganismen unseren Darmtrakt infizieren [*1], sondern, dass sich dort Bakterien/Pilze massenhaft vermehren, die da nicht massenhaft hingehören und die jenen, die dort massenhaft hingehören, den Garaus machen, was zur Folge hat, dass das gesunde Gleichgewicht zwischen den Spezies zusammen- und das große Chaos ausbricht, so dass schließlich hinten etwas herauskommt, was als "Scheiße" zu bezeichnen eine sehr tolerante definitorische Dehnung des Begriffes voraussetzte.

Kurz: Es geht nicht um den sterilen (=keimfreien) Menschen. Es geht um eingespielte Gleichgewichte.

Wenden wir uns der Haut zu. Etwa 148 verschiedene Bakterienspezies (Pilze also noch nicht mitgezählt) bilden hier ein munteres, eingespieltes  Ökosystem. Dieses Ökosystem ist ausgesprochen nützlich für uns, denn, wenngleich die beteiligten Populationen völlig unschädlich für uns sind und sich karg und bescheiden von Altfett und toten Hautschuppen nähren, so werden sie doch zu rasenden Killerbestien, falls fremde Keime sich anheischig machen, das Revier zu usurpieren.

Der Mikrobiologe formuliert dann gern auch mal jovial : "Die Standortflora fungiert als Türsteher, an dem neue, eventuell krankheitserregende Keime erstmal vorbei müssen." [*2]

Auf einem Quadratzentimeter Haut leben ein paar Hundert bis zu zwei Millionen unschädlicher Mikroorganismen in einem Gleichgewicht konkurrierender Zwietracht, und das ist gut so, denn wenn die weg wären oder das Gleichgewicht erheblich gestört würde, könnten schädliche, d.h. krankheitserregende Keime sich konkurrenzlos ausbreiten. Darunter können dann auch welche sein, die sich nicht bescheiden an der Oberfläche halten, sondern richtig fiese, die sich gierig auf unsere lebenden Körperzellen stürzen und sich in unseren Körper hinein ausbreiten.

An dieser Stelle kommen Schuhe ins Spiel. Unsere Kommensalen, also unsere lieben, gewohnten, unschädlichen Kumpel-Mikroorganismen, sind an bestimmte Temperaturvarianzen, pH-Wert-Bereiche und Feuchtigkeitsbedingungen angepasst, nämlich an die Bedingungen, die sie im Laufe der gemeinsamen Evolution mit ihrem Wirt, uns, vorfanden.

Was sie da nicht vorfanden, sind Bedingungen, wie sie gewöhnlich in geschlossenem Schuhwerk herrschen: Eine dauerhafte Temperatur von durchschnittlich 50 °C, ein dauerhafter pH-Wert von 5,4 bis 5,9 und eine relative Feuchte von dauerhaft fast 100 %.

Oh, die halten das aus, keine Frage. Aber einige von den Mikros halten das besser aus als andere, und das reicht, um das oben lang und breit erklärte ökologische Gleichgewicht zu verschieben.

So lieber Leser, liebe LeserIn, danke für's Durchhalten. Ich glaube, den Rest kannst Du Dir jetzt selbst erklären. Vor allem weißt Du jetzt, warum in schuhtragenden Gesellschaften 20 bis 85 % der Bevölkerung mit dem sogenannten "Fußpilz" kämpfen [*3] [*4], der in Wirklichkeit ein ganz normaler Hautpilz ist, der überall auf unserer Haut herumwuselt, sich normalerweise aber nicht durchsetzen kann und der deshalb in nicht-schuhetragenden Gesellschaften genau so selten auftritt, wie "Handpilz" bei uns.

Vielleicht kannst Du Dir nun auch erklären, warum man nicht Mikrobiologie studieren kann, ohne anschließend das exzessive Schuhetragen total eklig zu finden.

Und ganz vielleicht kannst Du nun auch verstehen, warum ein Biologie-Lehrer, der beansprucht seinen Schülern ein Vorbild zu sein, barfuß laufen sollte, wann immer möglich, .



Staphylococcus spec.
(via wiki commons)




[*1] Die Erstbesiedlung unseres Darms erfolgte kurz nach unserer Geburt, und das ist gut so, denn bekanntermaßen brauchen wir die Darmflora, um die Nährstoffe richtig aufzuschließen und unserem Körper verfügbar zu machen.

[*2] Eine ganz wichtige Erfahrung aus meinem eigenen Biologie-Studium: Vertraut niemals dem sachlichen Ton, in dem Ökologen oder die Evolutionsforscher über die "Wechselwirkungen" zwischen den Populationen reden. Ganz tief drinnen sind auch sie parteiisch und betrachten mit fasziniertem Gruseln die schön-schrecklichen Gemetzel und Konkurrenzkämpfe, egal, ob da Einzeller, Ameisen, Efeu, Haie, Schachtelhalm oder Viren zuschlagen.

[*3] ein erhebliches, volkswirtschaftliches teures Problem

[*4] Übrigens resultiert meine Barfuß-Macke NICHT aus persönlichen Fußpilz-Problemen, wie mir vor Jahren mal unterstellt worden ist.

12 Juni 2012

Noch mehr Erfahrungs-Plauderei



Hach, schon wieder diese Nabelschau. Selbstkritischer, innerer Dialog zum Thema meiner Barfußlauferei: Bin ich kapriziös? Süchte ich nach Mittelpunktserlebnissen? Überkompensiere ich frühere Verklemmtheiten?

"Kapriziös" bedeutet launenhaft, unberechenbar. Nee, Barfußlaufen ist keine Laune, nicht bei mir. Das mache ich schon seit Jahren. Der Unterschied ist, dass ich es jetzt konsequenter mache als früher. Gewollt habe ich das schon immer, getraut aber nicht. Dass ich mich jetzt traue, deutet klar auf eine Veränderung meiner Denke hin. "Sapere aude" endlich ohne Geschwiemel und Ausflüchte und Eigentlichs korrekt durchziehen und so. Manche Leute finden es ganz schlimm, wenn Mitmenschen um- und neudenken. Doch, ja, da entsteht schon mal der Eindruck, letztere seien unberechenbar. Dabei ist es nur schlüssige Umsetzung falsifizierbarer, d.h. wissenschaftlicher Ergebnisse. Genau genommen bin ich derzeit eher berechenbarer, unkapriziöser, geworden.

Von wegen "Mittelpunktserlebnis"! Im Gegenteil: Ich spüre den selben natürlichen, tiefverwurzelten Horror davor, sozial auffällig zu sein, wie alle normalen Menschen auch. Nee, die Sucht, im Licht zu stehen, kann ich bei aller gebotenen Vorsicht vor derartigen Selbstaussagen als Motiv ausschließen. Deshalb mache ich selbst auch kein Gewese um Schuhlosigkeit und missioniere auch nicht. Andererseits bin ich vielleicht auch nicht mehr ganz so abhängig von der unbedingten, uneingeschränkten Zustimmung aller meiner Mitmenschen. Wenn sich ein schwerst-pubertierender Hauptschüler über meine harmlose Macke beölt (was bisher übrigens noch nicht geschehen ist, jedenfalls nicht so, dass ich es bemerkt hätte), bitte sehr.

Dumme Leute lachen über das Tao. Würden sie nicht drüber lachen, wäre es nicht das Tao. 
Lao-Tse

Hmmm, die Frage, ob ich mit meiner akuten Barfüßerei überkompensiere, ist knifflig. Meine kindlich-jugendliche Sozialisation war auf jeden Fall ziemlich beamten-bürgerlich, was ich gar nicht sooo übel finde. Aber soll ich  mit 50 Jahren immer noch diese Geschichten als Erklärungmodell eigenen Verhaltens heranziehen? Sollte es mir, da ich damals ja keine schweren Traumata erleiden musste, nicht in den letzten 20, 30 Jahren gelungen sein, eine autarke Persönlichkeit zu entwickeln? Nee, der Erklärungsansatz, ich lebe gegenwärtig übermäßig das aus, was mir früher untersagt war, müffelt allzu streng nach dem toten Freud.

Ich habe eine viel simplere Theorie über mich: Ich war früher einfach zu doof, um über solche Dinge wie Sozialnormen und ihre Sinnhaftigkeit nachzudenken. Und ich war zu faul, zu stumpf und zu bierärschig, eigene Denkergebnisse in verändertes Verhalten umzusetzen.

Ja, das klingt gut. Das klingt richtig. Das klingt nach mir. So kenne ich mich! Passt!

Und ganz zum Schluss der Nabelschau: Ich finde es so super-angenehm, nicht mehr auf Schuhe angewiesen zu sein, dass ich es, je normaler es wird, von Tag zu Tag mehr genieße. Das ganze theoretische Raisonnement ist ja schön und gut. Toll, dass auch die Wissenschaft auf meiner Seite steht. Aber dieses geniale Gefühl täglicher billigster Denk- und Fußfreiheit, das ist einfach oberhammersahnemäßig geil brilliant.



Falls jemand mit dem Adjektiv "oberhammersahnemäßig" nichts anfangen kann: Die Sahne sehen wir mitte-links im Bild, hier in ihrer natürlichen Umgebung, nämlich auf due Cappuccini. Den Hammer-Aspekt hat der Künstler auf gleicher Bildebene, aber mitte rechts in Form zweier hammer-süßer, hammer-leckerer Kuchenteile realisiert, die hammer-schwer im Magen liegen, was man vorher allzu genau weiß, aber ignoriert, weil sie, wie gesagt, so hammer-lecker sind, dass das vernunftbegabte Großhirn schlicht vom instinktbegabten Stammhirn übersteuert wird ... Viareggio, 2010






09 Juni 2012

Blöde Penner



Mit meiner Toleranz für Penner ist es vorbei, seit ich aktuell mal wieder die Hamburger Innenstadt mit den Augen eines Barfüßers erlebte. Glassplitter, Müll, Dreck, ergo Flipflop-Zwang.

Mag ja sein, dass die Obdachlosen mir leid tun sollten, tun sie aber nicht. Wenn ihnen ihre grottige Lebensweise egal ist oder gar gefällt, ist das ihre Sache. Aber im dauer-besoffenen Kopp die Welt der Mitmenschen mitzuverranzen, ist völlig inakzeptabel. Selbstgemachtes Leid ist auch kein Grund für diese arschlöchige Rücksichtslosigkeit. Der Begriff "asoziales Pack" sollte vorsichtig verwendet werden, ist in diesem Fall aber im Wortsinne angezeigt.



Barfüßigkeit macht aufmerksam, nicht wahr?

Nein, was ich hier schreibe, klingt politisch nicht korrekt. Aber es sind nun mal nicht nur die profitgeilen Konzerne und machtgeilen Pollittikörr, die sich mies verhalten.



03 Juni 2012

Die sehr grundsätzliche Frage Nummer Zwei



Im Nachgang zu dem gestern hier veröffentlichten Lang-Text, der Bildgeschichte, habe ich mir überlegt, warum mich das Thema so beschäftigt. Ich schätze, das ist ein Ausdruck auch nach Jahren noch andauernden ungläubigen Erstaunens und der Verblüffung.

Fast vierzig Jahre lang war ich so sicher, dass "man" Schuhe trägt, dass ich nicht mal drüber nachgedacht habe. Auch heute noch prüfe ich sehr kritisch wieder und wieder die wissenschaftliche Fundierung der Thesen zum Barfußlaufen, finde aber keine Widersprüche.

Und nun frage ich  mich natürlich:
  1. Wie ist es möglich, dass ich, obwohl alle Fakten längst verfügbar waren, so lange nicht kapierte?
  2. Welche anderen "Gewissheiten" toben durch meine Birne, Gewissheiten, die mir so selbstverständlich sind, dass ich sie nicht mal mehr wahrnehme, geschweige denn prüfe, die  mein Leben beeinflussen - und total falsch sind?

Ich möchte nochmal klarstellen: Das Barfußlaufen an sich ist mir gar nicht wichtig genug, um einen Blog darüber zu schreiben. Ich will um Himmels Willen nicht missionieren. Möge ein Jeder nach seiner Fasson selig werden.

Aber diese zweite Frage macht mich richtig vogelig. Und deshalb untersuche ich am Beispiel (!!!) Barfußlaufen, was für Prozesse da laufen, die uns den Blick auf die Welt verstellen.

So, eine Woche Blog-Pause!















01 Juni 2012

Bildgeschichte



Vorweg: Bei der folgenden Bildanalyse verwende ich auch Gedanken, die D. Howell in seinem "barefoot book" antriggert. Bitte seid nicht böse, wenn ich im Folgenden nun nicht mehr aufdrösel, was ich von Howell geklaut habe, wo er mich lediglich inspiriert hat und wo ich's ohnehin länger und besser weiß als er, ok? Lest einfach sein Buch. Es lohnt sich.

Bei wiki commons (wo sonst?) fand ich unzufällig dieses Bild, das ursprünglich aus National Geographic, März 1922, stammt.


Die Bildunterschrift lautet "Padaung Cold Weather Costume". Dazu muss man wissen, dass die normale Kleidung dieser im heutigen Myanmar lebenden  Frauen nur in einem leichten Kilt und kiloweise Metallschmuck bestand. Bemerkenswerterweise schützen sich die hier abgebildeten Frauen vor der Kälte durch zusätzliche Stoffbahnen, lassen aber die Füsse frei. Eine Erklärung dafür findet sich hier:

Your hands, your feet, and your head are the areas of the body most involved in the control of body temperature. In an effort to maintain warmth, your body automatically reduces the flow of blood into your extremities, causing them to feel cold. (...) and there is an old adage among campers and mountaineers that "when your feet are cold, put on a hat."  (aus: Ask the doctor; Dr. Alan Berrick; 2012)

Kurzübersetzung: Über Hände, Füße und Kopf wird die Körpertemperatur reguliert. Bei gefühltem Wärmeverlust reduziert unser Körper einfach die Blutzufuhr in die Extremitäten, was dort ein Gefühl der Kälte erzeugt, was wiederum zu der Alltagsweisheit führt: "Hast Du kalte Füße, setz' einen Hut auf."

Die Mädels auf dem Bild haben ihre Körpertemperatur durch wärmende Klamotten geregelt. Das Problem kalter Füße tritt folglich nicht auf, jedenfalls nicht so sehr, dass die Damen sich auch noch die Füße umwickeln müssten.

Wir Nordmitteleuropäer kennen einen ähnlichen Effekt von winterlichen Schneeballschlachten, bei denen wir als Kinder, warm bekleidet, stundenlang barhändig im Schnee wühlen konnten, ohne zu frieren (im Gegenteil), aber schrieen, wenn irgendeine Dummbratze uns Schnee in den Nacken stopfte. Die Hände können die Temperatur regeln, Nacken und Rücken, wo die eiskalte Suppe dann nämlich hinlief, können es nicht. Letzteres empfinden wir daher als voll fies.

So weit, so gut. Nun strengen wir mal unsere Phantasie an und imaginieren zunächst eine Gesellschaft, die überwiegend in Räumen lebt, deren Temperatur stets auf einem Niveau gehalten wird, das den Insassen einen dauerhaft bewegungsarmen Aufenthalt ohne Wärmeverlust erlaubt. Nehmen wir nun zweitens an, ein Insasse begönne, sich zu bewegen, z.B. in den Räumlichkeiten umherzugehen. Der Kreislauf führe hoch, zusätzliche Wärme würde im Körper freigesetzt und müsste - wie beschrieben - über Kopfhaut, Hände und Füße als Temperaturregulatoren abgeführt werden.

Nehmen wir nun drittens an, in dieser Phantasie-Gesellschaft gäbe es eine strikte gesellschaftliche Regel, die es geböte, die Füße dauerhaft in feste, geschlossene Schuhe einzupacken. Folge: Programmierter Hitzestau. Die Mikroorganismen, die unsere gesamte Körperoberfläche zu Hundertausend je Quadratzentimeter besiedeln, freut's. So etwas kann eine Zeit lang, aber niemals auf Dauer ohne Gesundheitsschäden funktionieren.

Und damit sind wir bei einem zweiten Aspekt des obigen Bildes, die scheinbare Halsverlängerung durch die Metallringe, richtiger: Metallspiralen. Wer sich über diese auch heute noch gepflegte Tradition - und die damit verbundenen, zahlreichen Irrtümer - genauer informieren will, kann das gerne tun. Hier nur so viel: Gesund isses nicht!

 (via wiki commons)

Nichtsdestotrotz gibt es in der Padaung-Gesellschaft immer noch einen extrem starken normativen Druck (auf die Frauen), diese Metallspiralen zu tragen und im Laufe des Lebens ständig zu verlängern. Es ist Schwachsinn, es ist gesundheitsschädlich, und es ist eine Frage der gesellschaftlichen Ehre und Anerkennung. Und alle wissen, dass es Schwachsinn ist, und alle machen mit.

Woran erinnert uns das?
...
Ja, okay, auch an die Finanzkrise und auch ans Essen bei Mc Donald's, aber himmelnochmal, hier geht's doch um die Frage Barfußlaufen oder Schuhanziehen, oder?

Worauf ich hinaus will, ist: Schuhe! In unserer Gesellschaft wird das Schuhetragen oder -nichttragen genau so wirksam sanktioniert, wie bei den Padaung das Metallspiralentragen oder -nichttragen!

Und worauf ich eigentlich hinaus will ist: Es gibt soziale Normen, die sind einfach nur arbiträr, d.h. willkürlich, austauschbar, beliebig. Oh ja, wenn man die Padaung nach den Metallspiralen oder die Mitteleuropäer nach den Schuhen früge, dann gäb's natürlich mannigfache Antworten, die sich auf die jeweilige Sozialgeschichte bezögen, auf sicherheitstechnische Gründe, auf Traditionen als Garant gesellschaftlicher Kohäsion, bla, bla, bla. Alle diese Gründe lassen sich ganz zum Schluss auf eine Formel reduzieren: Das macht man so!

Umkehrschluss: Es nicht zu tun, tut man nicht!
Beweis: Alle tun's!
Folgerung: Wer's nicht tut, ist doof.


Gegenfrage: Wie doof muss man sein, dauerhaft etwas mitzumachen, was definitiv schädlich und unlustig ist?

Und was ich ganz eigentlich sagen wollte: Entschuldigt bitte, dass ich das als doof erkannte Spiel nicht mehr mitspiele.





31 Mai 2012

Erfahrungs-Plauderei



Das Barfußlaufen und -joggen betreibe ich ja nun schon seit ewigen Jahren. Aber in dieser Saison sind ein paar selbstgesetzte Beschränkungen gefallen. Keine bewusste Entscheidung, ich habe nicht drüber nachgedacht, habe einfach nur abgrundtief keine Lust mehr, Schuhe anzuziehen, wo keine zwingende Erfordernis ist.

Die mir verbliebenen Schuh-Zonen sind:
  • Fußgängerzonen, versaut durch Massen von Glassplittern und Kaugummiresten. 
  • Supermarkt-Böden, erfahrungsgemäß so dreckig, klebrig und versifft, dass ich da lieber Flipflops überstreife - und mich anschließend frage, warum ich es schaffe, inmitten solchen Siffs Lebensmittel einzukaufen ...
  • Öffentliche Toiletten, der Klospruch "Geh' näher ran, er ist kürzer, als Du denkst!" ist für Männer-Toiletten von ungeahnter Aktualität.
  • Temperaturen unter 10/11 °C, je nach Tagesform.
  • Vielleicht noch hier und da dienstliche Außen-Erstkontakte ...

Ich genieße das Unaufgeregte meiner Schuhlosigkeit. Da ich kein großes Bohei drum mache, tun's meine Mitmenschen auch nicht, nicht mal die Schülerinnen und Schüler.

Habe ich Zweifel? Gelegentlich ja, sonst wäre ich ja ein Idiot. Ich frage mich manchmal, ob das jetzt die Midlife-Crisis, die Wechseljahre oder sonstwas sei. Antwort: Ich weiß nicht, wie Wechseljahre und Midlife- Crisis sich anfühlen, denn bevor man sie hat, kann man auf keine entsprechenden Vergleichswerte zurückgreifen.

Es stecken ein  bisschen "Memento mori" und ein bisschen "Carpe diem" dahinter, dass mir unvernünftige Sozialnormen in letzter Zeit immer mehr auf den Keks gehen. Das Leben scheint mir einfach zu kurz und zu wertvoll, um sich weiterhin mit so einem Mist aufzuhalten.

Ich überlege auch, ob ich nur Spaß daran habe, eine skurrile Macke auszuleben, aber die Faktenlage spricht dagegen und belegt, dass das Barfußlaufen nun mal die rationale Entscheidung ist, das Schuhetragen hingegen nicht. Sofern Ratio zu leben eine Skurrilität ist, was in vielerlei Hinsicht der Fall zu sein scheint, dann bin ich skurril.

Aber zweifelsfrei ist: Round-the-clock-Barfußlaufen macht Spaß, es fühlt sich phantastisch an, belebt, befreit, ist schlau und überhaupt ... 



 1935
Tja, so sind wir Lehrer, ein völlig ausgeflippte Bande. 

Welche Sozialnormen sind vernünftig? Nach welchen wollen wir leben? Welche Vorbilder geben wir unseren Kindern? Mit welchen Konsequenzen?